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Natur pur

Wie Konfitüre nur mit der Energie aus Sonne und Holzpellets ins Glas kommt

Lässt sich eine Lebensmittelproduktion komplett auf erneuerbare Energien umstellen? Der Konfitürenhersteller Simmler beweist, dass das möglich ist: Seit 2016 produziert das Familienunternehmen 100 % regenerativ – mit PV- und Ökostrom sowie einer Klimazentrale, die den Bedarf an Wärme und Prozessdampf komplett deckt, mit Pellets als Brennstoff.

Wenn es morgens leise Plopp macht, fängt für viele Menschen der Tag an – mit einem frischen Glas fruchtiger Konfitüre, seltener mit Sekt. Die süßen Fruchtaufstriche stecken voller Energie in Form von Früchten und Zucker, aber auch indirekt, denn ihre Produktion ist energieintensiv. Frisch geerntete Früchte müssen tiefgefroren werden, bis sie verarbeitet werden können, dafür ist Kühlenergie nötig. Der Fertigungsprozess selbst benötigt viel Wärme, vor allem, um Wasserdampf zu erzeugen.
 

Modernisierte Kühlanlage benötigt 40 % weniger Strom

Der Marmeladen- und Konfitürenhersteller Franz Simmler im badischen Lauchringen, nahe der Schweizer Grenze, hatte sich im Jahr 2010 zum Ziel gesetzt, bis 2020 seine Energie nur noch aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Mit viel Beharrlichkeit hat das 86 Jahre alte Familienunternehmen sein Ziel bereits im Sommer 2016 erreicht. Doch zunächst musste der Energiebedarf verringert werden, um ihn vollständig regenerativ decken zu können. Dafür ließen die beiden Geschäftsführer Dr. Uta Simmler und ihr Mann Norbert Münch zunächst einmal die Kühlanlagen modernisieren, was deren Strombedarf um 40 % senkte. Außerdem stellten sie die Produktion auf Vakuum um, so dass eine geringere Vorlauftemperatur benötigt wurde. In den Lager- und Produktionshallen wurden Niedertemperatur-Deckenstrahler installiert, die Beleuchtung wurde durch energiesparende LED-Lampen ersetzt, eine Lichtsteuerung erhöht die Effizienz zusätzlich. Auf dem Werksdach erzeugt eine Photovoltaikanlage jährlich rund 300 MWh Strom und deckt damit 50 % des betrieblichen Strombedarfs ab. Den Rest kauft das Unternehmen zu – als reinen Ökostrom natürlich.
 

Dampferzeugung mit Pellets spart 340 t CO2 pro Jahr

Das Herzstück für die Wärme- und Dampfversorgung ist die Klimaschutzzentrale mit einer Dampferzeugungsanlage der Schmidmeier Naturenergie, die mit Holzpellets befeuert wird. Das Stand-alone-System kommt ohne Spitzenlast- und ohne Reservekesselsystem aus. Es liefert mit 850 kW Kesselleistung und 1.300 kg/h Dampfleistung den gesamten Wärmebedarf für die Gebäude und die Produktion in Höhe von 1.300 MWh pro Jahr. Dafür benötigt Simmler 280 t Industriepellets und ersetzt damit 130.000 l Heizöl

Die Anlage wurde Ende 2015 während des laufenden Betriebs installiert, was logistisch nicht so einfach war. „Die Zufahrt führte durch ein Wohngebiet“, beschreibt Thomas Schmidmeier, Geschäftsführer der Schmidmeier Naturenergie eine Herausforderung des Projekts. An den Tag, als der alte Kessel nach 45 Betriebsjahren außer Dienst genommen und der neue angeschlossen wurde, erinnert er sich genau. Ein TÜV-Spezialist, der sonst für Lokomotiven zuständig ist, überwachte die vor Ort durchgeführte Druckprobe. „Die letzten Druckproben des TÜV haben wir selbst begleitet – sie mussten nochmals erfolgen, obwohl die neue Anlage schon im Bau war. Das war wirklich spannend...", berichtet Schmidmeier.
 

Rauchgas wird doppelt heruntergekühlt

„Eine Besonderheit der Anlage bei Simmler ist der zweite Economiser, standardmäßig gibt es nur einen“, erläutert Schmidmeier. Der Economiser wärmt das von den Speisewasserpumpen aus dem Speisewasserbehälter zum Kessel geförderte Wasser vor Kesseleintritt vor. Die Rauchgase kühlen sich dabei je nach Auslegung auf etwa 140 bis 155 °C ab. Ein keramisch beschichteter Edelstahl-Wärmetauscher entzieht dem Rauchgas unmittelbar vor dem Schornstein noch mehr Restenergie und kühlt es auf unter 100 °C ab. Diese Abwärme wird zusammen mit der Abwärme aus verschiedenen Produktionsprozessen in einem einzigartigen, ganzheitlichen System für die Heizung und das Erwärmen von Brauchwasser verwendet

Unterm Strich spart Simmler durch seine Maßnahmen für mehr Energieeffizienz und eine 100 %ige regenerative Energieversorgung pro Jahr rund 520.000 kg CO2 ein. Für sein Engagement erhielt das Unternehmen vor wenigen Wochen den Georg-Salvamoser-Preis.  Der Preis für Heldinnen und Helden der Energiewende wurde am 21. Juni in München im Rahmen der The smarter E Europe verliehen. Für Norbert Münch haben sich die Anstrengungen auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht gelohnt: „Die Kunden nehmen es wahr, dass wir 100 % regenerativ produzieren. Und auch die Mitarbeitergewinnung ist einfacher, weil junge, moderne Mitarbeiter gern in nachhaltigen Unternehmen tätig sind.“ Dass derzeit der Ölpreis wieder steigt und sich die Pelletsanlage dadurch schneller als geplant amortisiert, ist ein erfreulicher Nebeneffekt.

Von Simone Pabst

 

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Dr. Uta Simmler und ihr Mann Norbert Münch haben ihre Vision umgesetzt: Ihr Unternehmen produziert zu 100 % mit regnerativen Energien. (Foto: Triolog)

 

Eine Klimazentrale versorgt die Gebäude und die Produktion vollständig mit Wärme und Prozessdampf. (Fotos: Schmidmeier Naturenergie)
 

Die Anlage ist in einem Container untergebracht. Sie verfügt über 850 kW Kesselleistung und 1.300 kg/h Dampfleistung.
 

Damit der Drache dem Familienunternehmen kräftig einheizen kann, benötigt er 280 t Industriepellets pro Jahr.