KONTAKT

Die Rolle von Prosumern in der neuen Energiewelt

Frauke Thies, CEO der smartEN.

Frauke Thies: „Prosumer müssen in die Lage versetzt werden, aktiv am Energiemarkt teilzunehmen“.
Sieben Fragen an Frauke Thies, CEO der smartEN über die Rolle von Prosumern in der neuen Energiewelt.
 

Frau Thies, in der Energiewelt von morgen sind Verbraucher nicht nur Kunden, sondern erzeugen teilweise auch ihre eigene Energie. Wie kann man diese Vielfalt miteinander in Einklang bringen?

Dezentrale und innovative Lösungen wie erneuerbare Energien, Energiespeicherung und Demand-Response verändern die Chancen, Rollen und Verantwortlichkeiten innerhalb des Energiesystems völlig. Die Menschen können ihre Energie selbst erzeugen, durch die Nutzung einer elektrischen Wärmepumpe zur Flexibilität beitragen, in Energiespeicherung investieren oder ganz einfach ein Elektroauto aufladen. Gleiches gilt für industrielle und gewerbliche Verbraucher, die nicht nur durch Eigenerzeugung, sondern auch mit der Automatisierung betrieblicher Prozesse mit hohem Energieverbrauch aktiv auf die Bedürfnisse des Energiesystems reagieren können. Damit das funktioniert, müssen die Verbraucher die Möglichkeit haben, mit dem System zu interagieren, um ihre Energie und Flexibilität zu ihrem eigenen Nutzen und zum Nutzen eines nachhaltigen Energiesystems beizutragen und daraus Wert zu schöpfen.

 

Welche Herausforderungen ergeben sich bei der Zusammenführung der unterschiedlichen Marktteilnehmer?

Damit die neuen Energiedienstleistungen und Technologien optimal für den Prosumer und das Stromnetz genutzt werden können, müssen Prosumer sich aktiv am Energiesystem beteiligen können. Neue Dienstleistungsangebote, z.B. von Aggregatoren oder digital ermöglichte Reaktionen auf direkte Preissignale aus dem Markt, können dies ermöglichen, ohne den Komfort der Verbraucher zu beeinträchtigen. Zusätzlich schaffen sie oft ein verbessertes Verbrauchererlebnis. Trotzdem haben es diese Lösungen oft schwer, sich auf den bestehenden Märkten zu etablieren, die auf einen unidirektionalen Energiestrom, ausgehend von einzelnen großen Stromerzeugern an meist passive Verbraucher, ausgerichtet sind. Die Herausforderung besteht darin, den Markt für neue Geschäftsmodelle und dezentrale Technologien zu öffnen und sicherzustellen, dass effektive Preissignale eine angemessene Monetarisierung ermöglichen.

 

In welchem Maße wird die Digitalisierung dafür nötig sein?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein fester Bestandteil des Energiesystems und wird bzw. sollte sich noch weiterentwickeln, um den effizienten Betrieb des Netzes und des Marktes in einer dezentralisierten Energiewelt zu unterstützen. Auf Systemebene hilft die Digitalisierung, Engpässe zu erkennen und zu steuern, auf Marktebene ermöglicht sie neuartige Handelsplattformen und bildet die Grundlage für effektive Preissignale in Echtzeit. Auf der Ebene der Erzeugungs- und Nachfrageeinheiten — bis hin zur Ebene der einzelnen Geräte — ermöglicht die Digitalisierung eine schnelle Reaktion auf solche Signale aus dem Markt und sorgt gleichzeitig für die Aggregation von Ressourcen in virtuellen Kraftwerken. Die Frage, ob Digitalisierung eine Rolle spielen wird, ist längst beantwortet. Doch wie werden sich die Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Akteure auf diesem Gebiet entwickeln?

 

Wie können Prosumer in Zukunft vom Energiesektor profitieren?

Prosumer können sowohl von der Wahl ihrer eigenen Energiedienstleistungen- und Ressourcen als auch von einer aktiven Rolle auf dem Energiemarkt profitieren, indem sie selbst entscheiden, woher sie ihre Energie beziehen. Sie können auch einer Bürgerenergiegemeinschaft beitreten, selbst in erneuerbare Energien investieren oder ein Demand-Response-Modell nutzen. Insgesamt gibt es die Möglichkeit, Ressourcen einzusetzen, um die lokale Energiewirtschaft zu verbessern, mit einem Aggregator zusammenzuarbeiten, der die erzeugte Energie und Flexibilität für den Prosumer verkaufen kann, oder sich für dynamische Preissignale zu entscheiden, um die Stromrechnung zu senken.

 

Welche Rolle werden Anbieter unabhängiger, virtueller Handelsplattformen spielen?

Die zunehmende Digitalisierung und Dezentralisierung hat dazu geführt, dass Plattformen eine zentrale Rolle in der Energieversorgung einnehmen, und zwar sowohl auf lokaler Ebene, für die Einrichtung virtueller Kraftwerke als auch für die Bereitstellung von Netzdiensten wie etwa den Betrieb des Verteilernetzes. Welche Plattformen sich behaupten werden, wie diese organisiert sind und auf welcher digitalen Infrastruktur sie basieren, wird weitgehend von den regulatorischen Rahmenbedingungen und dem Wettbewerb auf dem Markt abhängen.

 

Nachfrage und Energieerzeugung aufeinander abzustimmen wird in Zukunft immer wichtiger werden. Wie fortschrittlich ist Europa in dieser Hinsicht?

In ganz Europa hat sich gezeigt, dass es beim Energiewandel nicht nur um die Einführung neuer und nachhaltiger Erzeugungstechnologien geht, sondern auch um die effektive Nutzung der Flexibilität durch intelligentes Netzmanagement, Dienstleistungen von Kraftwerken, Demand-Response und Energiespeicherung. Auf den Europäischen Regelenergiemärkten wurden wichtige Fortschritte erzielt, die neue Dienstleistungen und Technologielösungen auf diesem Gebiet ermöglichen, es muss aber noch mehr geschehen, wie beispielsweise der neue smartEn Map-Bericht zu diesem Thema zeigt. Flexibilitätssignale werden jedoch überall, von der lokalen Ebene bis zu den Großhandelsmärkten, gebraucht. Das im Dezember 2018 fertiggestellte European Clean Energy Package, das Anfang 2019 verabschiedet werden soll, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Die daraus folgende Öffnung der Märkte wird jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn sich die Preissignale so entwickeln, dass sie den Wert der Flexibilität zu jedem Zeitpunkt widerspiegeln.

 

Sie sind Chair der Smart Renewable Systems Conference 2018. Welche Themen werden erläutert?

Die Konferenz beleuchtet die neuen Gegebenheiten eines zunehmend dezentralen, digitalen und sauberen Energiesystems. Am ersten Tag werden wir uns die Möglichkeiten und Dienstleistungen für private, kommerzielle und industrielle Verbraucher anschauen. Von welchen Energiedienstleistungen werden die Menschen profitieren und wie können sie die ihnen zur Verfügung stehenden Energieressourcen optimal nutzen? Am zweiten Tag geht es darum, wie diese Ressourcen mit dem System insgesamt zusammenspielen. Wie werden die Märkte sich entwickeln, welche Handelsplattformen gibt es und wie können Netzbetreiber mit er Beschaffung von Flexibilitätsdienstleistungen Wert schöpfen? Der Schwerpunkt der Konferenz liegt auf Fallstudien und Beispielen zu aktuellen Trends und Herausforderungen sowie auf neuen Geschäftsmöglichkeiten in der neuen Energiewelt beleuchten.