Verteilte Erzeugung, die wachsende Elektrifizierung der Wirtschaft und der zunehmende Bedarf an Flexibilität zwingen Verteilnetzbetreiber, neue Wege zu gehen. Digitalisierung kann ein Tool sein, mit dem sie der sich wandelnden, anspruchsvollen Rolle gerecht werden können. Aber was bedeutet das in der Praxis?
Im Interview spricht Alberto Sánchez Pérez, Mitgründer und CEO von Gridfy sowie Mitglied bei GEODE, dem europäischen Verband der Verteilnetzbetreiber (VNB), über die Themen, die ein neuer Bericht des Verbands über Digitalisierung für VNB aufwirft. Dabei erläutert er, wie die Netzbetreiber mit der digitalen Transformation umgehen.
Die Digitalisierung ist mittlerweile seit etwa zehn Jahren Thema. Viele VNB sprechen zwar über Digitalisierung, aber nur wenige können wirklich erklären, welche Entscheidungen dadurch leichter und besser werden. Wir arbeiten mit 15 Kunden aus dem VNB-Sektor, und dabei sehen wir, dass jedes Unternehmen eine andere Vision von Digitalisierung hat. Sie haben auch alle ein unterschiedliches Verständnis des Werts von Digitalisierung und davon, wie sie verschiedene Entscheidungen unterstützen kann.
Wir versuchen, die VNB über Digitalisierung aufzuklären und dann das Vorgehen auf fünf Ebenen einzuteilen. Die erste Ebene betrifft die Sensoren vor Ort und die Frage, wie die Geräte die Datenerhebung unterstützen sowie Daten an den VNB liefern. Auf der zweiten Ebene geht es um eine bessere Visualisierung der Daten, rein für den Zweck des Monitorings. Und auf der dritten Ebene werden die Daten schließlich so aufbereitet, dass das Netzverhalten zuverlässig abgebildet wird.
Im nächsten Schritt wird analysiert, inwieweit das Monitoring kurzfristige Entscheidungen ermöglicht, um Betrieb, Wartung und Planung zu optimieren. Und schließlich – und bis hier ist es vom ersten Schritt an ein langer Weg – versuchen wir, Informationen über das Netz zu bekommen. Dazu werden unterschiedliche Technologien wie etwa KI eingesetzt, um Entscheidungen für eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Mit diesem letzten Schritt können VNB ihre Entwicklungspläne und ihren Betrieb optimieren.
Die genannten fünf Ebenen sind der ideale Weg für einen VNB zur Digitalisierung. Ausgehend von der ersten Ebene kann es fünf bis sechs Jahre dauern, bis wir auf der höchsten Ebene angekommen sind. Dabei geht es allerdings nicht nur darum, die Technologiereife zu erreichen, sondern auch darum, ob der VNB den Daten genügend vertrauen kann, um sie als Grundlage für Investitionsentscheidungen zu nutzen.
Es sei jedoch angemerkt, dass es nicht erst auf der höchsten Ebene eine Wertschöpfung gibt. Schon viel früher können signifikante Vorteile erzielt werden, wenn die Digitalisierung sich auf konkrete betriebliche oder planerische Entscheidungen konzentriert.
Eine der Schwachstellen die bei allen VNB zu beobachten ist, ist das Personal. Oft haben die Teams einen starken Schwerpunkt auf Elektrotechnik, aber darum geht es bei der Digitalisierung nicht. Stattdessen geht es um Kommunikation, Datenverarbeitung, Informationsinfrastruktur und Cloud-Technologien. VNB sollten deshalb darauf achten, dass in ihren Teams unterschiedliche Fähigkeiten und Qualifikationen vertreten sind. Außerdem müssen die einzelnen Teams innerhalb eines VNB auch zusammenarbeiten.
Eine wichtige Botschaft, die ich bei Konferenzen und in Gesprächen immer wieder betone, ist dass wir viele Innovationen, viele Lösungen und sehr gute Technologie zur Verfügung haben. Ich versuche, den VNB zu vermitteln, dass, wenn wir anhand eines Start-ups oder Unternehmens die Machbarkeit nachweisen können, dass einige der Prozesse beschleunigen kann.
Mit der heutigen Technologie lassen sich fast alle Probleme, die ein VNB haben kann, lösen. Die eigentliche Hürde liegt jedoch oft beim Personal – bei der Einbindung der Mitarbeitenden und beim Aufbau von Vertrauen in den Teams, damit sie die Technologie nutzen und bei ihren Entscheidungen einbinden.
Ich kann mir vorstellen, dass die Geschwindigkeit der Veränderungen eine weitere Hürde darstellt. VNB sind in der sich schnell wandelnden Welt der Energie tätig, wo früher alles nach Erzeugung, Verteilung und Verbraucher aufgeteilt war. Heute gibt es einen dezentralen Erzeugungsmix, intermittierende Erzeugung, Energiespeicherung und steigende Nachfrage.
Für die VNB ist die Welt sehr viel unübersichtlicher geworden.
VNB bewegen sich in einer großen, chaotischen Welt und kämpfen mit verschiedenen Herausforderungen: Netzengpässe, Spannungsprobleme und fehlendes Wissen über das zu erwartende Wachstum der dezentralen Energieressourcen. Meiner Meinung nach liegt die größte Schwierigkeit in der mangelnden Übersicht sowie dem verlagerten Fokus auf Niederspannungsnetze.
Manche sagen, dass VNB im Niederspannungsnetz so eine Art Feuerwehr sind – wenn etwas schief läuft, beheben sie es. Aber sie reagieren immer nur. Das könnte man durch mehr Sichtbarkeit im Niederspannungsnetz ändern.
Wir haben im Netz Assets, die langsam in die Jahre kommen. Deshalb arbeiten wir daran, deren Lebensdauer zu verlängern. Wir untersuchen auch, wie Sichtbarkeit uns helfen kann, bessere Investitionsentscheidungen zu treffen, um die Lebensdauer eines Assets zu verlängern.
Die Frage ist beispielsweise, wie man einen Transformer in einem bestimmten Gebiet am besten austauscht oder ersetzt, weil es immer mehr dezentrale Energieressourcen gibt und das Netzverhalten sich ändert. Die Digitalisierung ermöglicht es VNB, Informationen auf dem richtigen Weg einzuholen und damit eine ganz andere Analyse zu ermöglichen.
Zudem macht sie es VNB möglich, Investitionen auf Grundlage realen Netzverhaltens zu priorisieren statt sich auf historische Annahmen zu verlassen. Dies wird unter dem neuen Gesetzesrahmen immer wichtiger.
VNB haben Zugriff auf Horizont Europa, die Connecting Europe Facility sowie die nationalen Pläne für Wiederaufbau und Resilienz, die Digitalisierung, Netzmodernisierung und Flexibilitätslösungen fördern. Diese Instrumente senken das wirtschaftliche Risiko und erlauben es VNB, innovative Technologie zu testen, bevor sie sie in großem Umfang einsetzen.
Häufig werden Vorschriften zum Treiber, wenn auch nur indirekt. In manchen Ländern wird inzwischen eine detaillierte Berichterstattung verlangt, die ohne digitale Tools überhaupt nicht möglich ist. Auf europäischer Ebene gibt es Bestrebungen, Datenstandards und neue regulatorische Modelle einzuführen, die Software und digitale Dienstleistungen als legitime Netzinvestitionen anerkennen.
Vorschriften allein können allerdings keinen kulturellen Wandel herbeiführen. Die VNB müssen nach wie vor selbst engagiert sein und neue Ansätze ausprobieren wollen.
Den GEODE Bericht „Digitalisation of Distribution Grid Operation“ können Sie hier herunterladen.