„Nachfrageseitige Flexibilität ist keine Einschränkung, sondern ein strategischer Vorteil“

Experteninterview – 12. Mai 2026

Nachfrageseitige Flexibilität (Demand-Side Flexibility, DSF) entwickelt sich zunehmend zu einem Grundpfeiler der europäischen Energiewende und macht die industrielle Elektrifizierung von einer Kostenbelastung zu einem Wettbewerbsfaktor. Im Interview erläutert Michael Villa, Executive Director des europäischen Branchenverbands smartEn, warum KI-gestützte Aggregation heute unverzichtbar ist, wo Regulierung DSF weiterhin bremst und wie energieintensive Branchen – von der Stahlindustrie bis zu Rechenzentren – neue Einnahmequellen erschließen und gleichzeitig die Netzstabilität stärken.

Zudem gibt er einen Ausblick auf die kommende Best-Practice-Studie von smartEn sowie auf zwei spannende Sessions zum Thema Flexibilität auf der EM-Power Europe Conference am 22. und 23. Juni 2026 in München.

DSF bietet ein transformatives Potenzial für die europäische Energiewende, da sie eine kosteneffiziente, intelligente Elektrifizierung ermöglicht – ein zentraler Baustein des EU-Ziels, den Elektrifizierungsgrad bis 2030 von 23% auf 32% zu erhöhen. Unsere Studie aus dem Jahr 2025 hat gezeigt, dass DSF für energieintensive Industrien wie Stahl, Aluminium, Papier, Glas und Zement die Elektrifizierung von einer Herausforderung in einen Wettbewerbsvorteil verwandelt: Flexible, elektrifizierte Prozesse unterstützen die Dekarbonisierung und erschließen zugleich neue Einnahmequellen durch marktbasierte Flexibilität, senken Energiekosten und stärken die Widerstandsfähigkeit gegenüber Preisschwankungen.

In der Praxis entwickelt sich DSF heute schon weg von veralteten Modellen, bei denen Lasten einfach abgeschaltet werden, hin zu intelligenten, marktbasierten Ansätzen, die es Industrieunternehmen ermöglichen, an Ausgleichs-, Großhandels- und Kapazitätsmärkten teilzunehmen, ohne die Produktion zu beeinträchtigen. Über alle Sektoren hinweg verstärkt sich dieses Potenzial, wodurch Flexibilität zu einem entscheidenden Hebel für industrielle Wettbewerbsfähigkeit und ein auf erneuerbaren Energien basierendes Energiesystem wird.

Dafür müssen wir mehrere Barrieren abbauen. Veraltete Demand-Response-Programme müssen intelligenten, marktbasierten Modellen weichen, die flexibles, systemdienliches Verhalten angemessen vergüten. Investitionen der Industrie in intelligente Technologien – wie elektrifizierte Prozesse, dezentrale Energieressourcen, KI-gestützte Optimierungstools und Echtzeit-Steuerungssysteme – müssen gefördert werden, damit Unternehmen ihr Flexibilitätspotenzial ohne Betriebseinbußen erschließen können.

Auch regulatorische Hindernisse müssen abgebaut werden: Aktuelle Regelwerke schränken häufig den Marktzugang ein oder schreiben Bedingungen vor, die Innovation hemmen. Die Schaffung offener, funktionierender Flexibilitätsmärkte, wie sie im EU-Recht vorgesehen sind, ist entscheidend, um Industrieunternehmen klare, freiwillige und wirtschaftlich attraktive Wege zu eröffnen. Schließlich sind Transparenz und Dialog notwendig, um die Rentabilität der Investitionen aufzuzeigen und Vertrauen aufzubauen, dass Flexibilitätsabrufe die Produktion nicht beeinträchtigen.

Die eigentliche Frage ist, ob Europa es sich leisten kann, DSF ohne KI einzusetzen – und die Antwort lautet eindeutig nein. Das Stromnetz im Jahr 2030 wird nicht mehr dem Netz der Vergangenheit ähneln. Wir integrieren Hunderte Gigawatt fluktuierender erneuerbarer Energien in ein System, das nie für bidirektionale Reaktionsfähigkeit in Millisekunden ausgelegt war. Die einzige Ressource, die diese Lücke in Echtzeit und europaweit schließen kann, ist KI-gestützte nachfrageseitige Flexibilität.

Die Mitglieder von smartEn führen nicht nur Pilotprojekte durch. Sie setzen heute bereits maschinelles Lernen ein, aggregieren Tausende industrieller Lasten, prognostizieren Engpässe im Netz Stunden im Voraus und aktivieren Flexibilität schneller als jedes konventionelle Kraftwerk reagieren kann. Die Reaktionszeiten liegen im Sekundenbereich. Gleichzeitig werden Erlöse aus Regelenergie-, Kapazitäts- und Intraday-Märkten kombiniert. Kein regelbasiertes System kann das leisten.

KI widerlegt zudem den hartnäckigen Mythos, DSF sei zu kleinteilig, um verlässlich zu sein. Jede regulatorische Hürde, die KI-gestützte Aggregation verlangsamt, bremst die Energiewende direkt. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die KI-aggregierte Flexibilität als gleichwertige Netzressource anerkennen, Interoperabilitätsstandards vorschreiben und Abrechnungsregeln an die Geschwindigkeit anpassen, mit der KI operiert. Die Technologie ist bereit. Unsere Mitglieder sind bereit. Die einzige verbleibende Variable ist der politische Wille.

Die EU-Gesetzgebung verpflichtet die Mitgliedstaaten bereits dazu, nachfrageseitige Flexibilität umzusetzen, doch die Umsetzung läuft europaweit uneinheitlich, und viele Länder lassen wertvolle Einsparpotenziale sowie Vorteile für die Netzstabilität ungenutzt. Um den Fortschritt zu beschleunigen, hat smartEn einen Leitfaden erarbeitet: „Implementing EU laws: A guide to activate demand-side flexibility in the EU 27 Member States“. Er identifiziert die sieben wichtigsten Hemmnisse und liefert konkrete Handlungsempfehlungen, um diese zu überwinden.

Unser neuer Report wird im Juni 2026 erscheinen und untersucht Best Practices für DSF in energieintensiven Industrien. Wir zeigen darin, wie sich industrielle Verbraucher von passiven Nutzern zu aktiven Akteuren im sich wandelnden europäischen Stromsystem entwickeln. Und wie sie ihre betriebliche Flexibilität nutzen, um Netzstabilität zu unterstützen, neue Einnahmen zu erschließen und die Dekarbonisierung voranzutreiben. Der Bericht basiert auf realen Projekten in Branchen wie Landwirtschaft, Zement, Chemie, Rechenzentren, Glas, Eisen und Stahl, Bergbau, Zellstoff und Papier, Holz sowie Abfall- und Wassermanagement. Er zeigt, dass nachfrageseitige Flexibilität ein strategischer Vorteil und keine Einschränkung ist.

Der Bericht identifiziert zentrale Muster: Wie sich der Stromverbrauch industrieller Prozesse über thermische Trägheit oder Materialpuffer anpassen lässt, ohne den Betrieb zu beeinträchtigen. Welche vielfältigen Wertschöpfungspotenziale sich daraus ergeben und welche systemischen Vorteile für die Integration erneuerbarer Energien sowie für reduzierte Infrastrukturkosten entstehen. Zudem hebt er die Schlüsselrolle der Akteure im Bereich Flexible Demand Management Industry (FDMI) hervor, mit strukturierten, sektoralen Fallstudien zu skalierbaren, ausgereiften Lösungen.

Zwei hochaktuelle Sessions stehen auf dem Programm der Konferenz. „Turning Industrial and Commercial Demand-Side Flexibility into Value“ zeigt, wie Verteilnetzbetreiber, Übertragungsnetzbetreiber, Aggregatoren und Energiehändler den Schritt von Pilotprojekten zu koordinierten Flexibilitätslösungen vollziehen. Durch automatisierte Abrufe, neue Vertragsmodelle und eine faire Verteilung der Erlöse integrieren sie Flexibilität in den alltäglichen Netzbetrieb.

„From Local Experiments to Lasting Markets: The Future of DSO Flexibility“ beleuchtet den Übergang von experimentellen lokalen Märkten zu stabilen, skalierbaren Lösungen und befasst sich dabei mit der regulatorischen Reife, dem Marktdesign, Standardisierung und langfristiger Sicherheit für Anbieter. Beide Sessions versprechen umsetzbare Strategien und einen intensiven Dialog zur Gestaltung der europäischen Energiezukunft.

Zum Thema nachfrageseitige Flexibilität hat die EM-Power Europe Anfang Mai gemeinsam mit smartEn ein Webinar durchgeführt. Die Aufzeichnung des Webinars mit dem Titel “Demand-side flexibility in action: Real-world strategies for energy-intensive industries” finden Sie auf unserer The smarter E Digital Platform.

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