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Regional und doch von Welt

Wie die Stadt Wunsiedel ihre Energiewende schafft

Im oberfränkischen Wunsiedel hat die Energiezukunft schon begonnen: Seit 2001 baut die Kreisstadt ihre Strom- und Wärmeversorgung konsequent auf erneuerbare Energien um. Inzwischen ist sie zum Musterbeispiel und Vorbild für eine dezentrale Energieversorgung geworden, selbst für die EU. Zum Energiekonzept gehören mehrere Holzpellet-BHKWs mit denen die Stadt die Wertschöpfung in der Region behält.

Auf dem WUNsiedler Weg kann man zwar nicht wandern, ein attraktives Ziel hat er aber trotzdem: „Eine weitgehend autonome, auf regionalen Kreisläufen basierende Strom- und Wärmeversorgung aus erneuerbaren Energien“, wie es Marco Krasser, Geschäftsführer der SWW Wunsiedel GmbH zusammenfasst. Und die Kreisstadt ganz im Nordosten Bayerns kommt auf ihrem Weg, den sie 2001 einschlug, schnell voran: Schon 2016 erreichte sie ihre Klimaschutzziele, die sie sich für das Jahr 2020 gesetzt hatte. Aktuell werden in der Region 20 % mehr Strom aus regenerativen Quellen produziert, als die rund 10.000 Einwohner Wunsiedels insgesamt an Strom benötigen. Zudem decken Erneuerbare etwa die Hälfte des Wärmebedarfs in der Stadt. Die Emissionen an Treibhausgasen haben sich im Vergleich zu 2008 um die Hälfte reduziert.
 

Satellitenkraftwerke generieren Strom und Wärme

Neben Windrädern und Photovoltaikanlagen, die Strom liefern, decken mehrere BHKWs den Strom- und Wärmebedarf. Im Zentrum der Versorgung steht dabei das Biomasseheizkraftwerk im Ortsteil Holenbrunn, das mit Holzresten in Form von Baumspitzen, Zweigen und Sägespänen betrieben wird. Drei Satellitenkraftwerke, wie sie die SWW Wunsiedel GmbH nennt, ergänzen das zentrale Kraftwerk. Sie stehen in Breitenbrunn, Schönbrunn und Neusorg und versorgen über Nahwärmenetze die jeweils umliegende Gemeinde.

Jedes Satellitenkraftwerk verfügt über ein BHKW und einen Spitzenlastkessel, der zusätzliche Wärme liefert; in Schönbrunn sind zwei BHKWs installiert, in Neusorg zwei Spitzenlastkessel (siehe Steckbriefe der Satellitenkraftwerke unten). Unterirdische Pufferspeicher gleichen Lastschwankungen bei Wärmeerzeugung und -verbrauch aus. Die beiden Netze Schönbrunn und Breitenbrunn sind über eine Koppelleitung verbunden, so dass alle Erzeuger beiden Netzen zur Verfügung stehen. Dem Anspruch, Strom und Wärme aus regionalen Quellen zu erzeugen und zu nutzen, trägt die Stadt in ihren Satellitenkraftwerken doppelt Rechnung: Hauptenergieträger sind Holzpellets, die die SWW über ihr Tochterunternehmen WUN Bioenergie in Holenbrunn selbst produziert – mit Holz aus den Wäldern der Umgebung und mit der Wärme des Heizkraftwerks. Damit will man die gesamte Wertschöpfungskette vor Ort halten.

Wunsiedel verfügt bislang über drei Satellitenkraftwerke, die über Nahwärmenetze die jeweils umliegende Gemeinde versorgen. Das größte davon steht im Ortsteil Schönbrunn. (Foto: SWW Wunsiedel)

 

Genormter Brennstoff sorgt für stabilen und schonenden Betrieb

Einer der vielen Vorteile von Holzpellets gegenüber Hackschnitzeln ist der geringe Lagerraumbedarf. „Außerdem sind Pellets ein homogener, genormter Brennstoff mit einem fixen Ascheschmelzpunkt, Asche- und Wassergehalt. Diese Werte können zum Beispiel bei jedem Schüttraummeter an Rinde oder Hackschnitzeln unterschiedlich ausfallen“, erläutert Gerhard Burkhardt, Geschäftsführer der Burkhardt Energie- und Gebäudetechnik, die die Holzvergaser einschließlich BHKWs geliefert hat. Aus diesen Gründen verwendet das Unternehmen ausschließlich ENplus A1 Pellets für seine Anlagen, um sie zu schonen und andererseits langlebiger zu machen.

Das Satellitenkraftwerk in Schönbrunn verfügt über zwei große Pelletbunker mit je 600 t Fassungsvermögen, so dass der Brennstoff nur einmal im Jahr nachgefüllt werden muss. Durch die Hanglage des Gebäudes und die geschickte Planung der Bunker, können die Pellets vom Lkw einfach abgekippt werden. Bequem ist auch die Bedienung der Holzgas-Anlagen über LCD-Monitore mit Touchscreen. Über das Burkhardt-Portal lassen sich die Anlagen via PC, Smartphone oder Tablet fernwarten. Dafür bekommt der Kunde Login-Daten und hat jederzeit Zugriff auf die Anlagen bzw. erhält eine Störmeldung, falls Probleme auftreten.

Mit den modifizierten Gasmotoren kann der Energieversoger sehr flexibel auf die jeweiligen Energieflüsse im Stromnetz reagieren. Speisen Windräder oder Photovoltaikanlagen viel Strom ein, werden die Gasmotoren gedrosselt oder abgeschaltet. Bei Flaute oder geringer Sonneneinstrahlung liefern sie wieder mehr Strom und stabilisieren so das Netz. Die Nahwärmenetze fungieren dabei als Speicher für die Heizenergie, die in den BHKWs entsteht.
 

Weiterer Netzausbau und neue Satellitenkraftwerke sind geplant

Die Wärmenetze in den Ortsteilen sind unterschiedlich stark ausgebaut. „Wir streben eine Vollversorgung an“, gibt Marco Krasser einen Ausblick auf die Zukunft, „außerdem wollen wir die Sektorenkopplung Strom/Wärme weiter forcieren.“ Weitere Satellitenkraftwerke seien derzeit in Planung bzw. würden durchkalkuliert. Brennstoff in Form von Holzpellets gäbe es jedenfalls genug. Aktuell baut die SWW in Holenbrunn ein zweites Pelletwerk mit einer Produktionskapazität von über 100.000 t/a, das die Kapazität am Standort nahezu verdreifachen wird. Drei neue Erdgas-BHKWs der Caterpillar Energy Solutions aus Mannheim mit einer thermischen Leistung von jeweils 5 MW und einer elektrischen Leistung von 4,5 MW beliefern das Werk mit Wärme und speisen ihren Strom ins Netz ein. Die Inbetriebnahme ist für Oktober geplant. In Zukunft könnten die neuen Kraftwerke auch mit Wasserstoff oder synthetisch hergestelltem Erdgas befeuert werden.
 

Energieversorgung soll noch flexibler werden

Um noch flexibler bei der Energieversorgung zu werden und die Sektorenkopplung voranzutreiben, hat die SWW auf dem Gelände des Biomassezentrums im Februar den derzeit größten Batteriespeicher in Bayern eingeweiht. Das Lithium-Ionen-Speichersystem von Siemens hat eine Leistung von 8,4 MW. Hier wollen die Stadtwerke überschüssigen Wind- und Solarstrom speichern. Außerdem sollen die Batterien Regelenergie liefern, die Abweichungen von Angebot und Nachfrage im übergeordneten Stromnetz sehr kurzfristig ausgleichen kann. Geplant seien außerdem eine Power-to-Gas-Anlage, um Sonnen- und Windenergie in Form von Gas speichern zu können, sowie eine durchgängige Datenvernetzung aller Systeme.

Bürger, Schulen, Unternehmen, aber auch andere Kommunen, die sich für den WUNsiedler Weg interessieren, können sich seit Anfang 2018 im Haus der Energiezukunft neben der Stadtwerke-Zentrale informieren – einem Showroom mit Dauerausstellung und interaktiven Anwendungen. Hier will die Stadt zeigen, wie die Energiewende technisch und mit welchen Geschäftsmodellen auch wirtschaftlich realisiert werden kann. Selbst für die EU hat Wunsiedel Modellcharakter. Ende 2015 stellte Krasser vor dem Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss in Brüssel den WUNsiedler Weg vor.

Für ihr besonderes Engagement haben die Stadtwerke inzwischen einige Auszeichnungen bekommen. So erhielt der kommunaleigene Versorger unter anderem den renommierten Stadtwerke Award. Im August wurde die SWW gemeinsam mit der ZukunftsEnergie Fichtelgebirge mit dem Förderpreis Nachwachsende Rohstoffe der Bayerischen Staatsregierung ausgezeichnet. Dabei wurde das besondere nachhaltige Konzept der SWW gelobt, die mit ihren Satellitenkraftwerken die regionale Biomasse für die Strom- und Wärmeerzeugung auf dem lokalen Markt nutze, sowie die Vermarktung des Fichtelgebirgsstroms. Dieser wird regional erzeugt und regional vertrieben – ohne den Umweg über die Strombörse.

Das wird sicher nicht die letzte Auszeichnung gewesen sein, denn der WUNsiedler Weg ist noch nicht zu Ende. „Wir verfolgen das Ziel, unser Verteilnetz langfristig ganz mit erneuerbaren Energien zu versorgen“, gibt Krasser die Richtung vor. Im Forschungsverbund mit Unternehmen wie Siemens und Forschungseinrichtungen wie der Fraunhofer-Gesellschaft oder der Universität Bayreuth darf man dabei auf neue Wegmarken gespannt sein.

Von Simone Pabst
 

Weitere Informationen:

SWW Wundsiedel GmbH

Burkhardt GmbH

 

Das Kraftwerk in Schönbrunn wird mit Holzpellets betrieben. Durch die Hanglage können die Lkws die Pellets einfach ins Lager abkippen. (Foto: SWW Wunsiedel)

 

Zwei Pelletvergaser und zwei Holzgas-BHKWs der Firma Burkhardt mit einer Leistung von jeweils 180 kWel und 270 kWth stellen die nötige Energie bereit. (Foto: Burkhardt)

Steckbriefe Satellitenkraftwerke

Schönbrunn:

  • PV-Anlage mit 80 kWp
  • 2 Pelletvergaser V 3.90 und 2 Holzgas-BHKWs ECO 180 HG der Firma Burkhardt mit einer Leistung von jeweils 180 kWel und 270 kWth
  • 1 Spitzenlast-Pelletkessel von KÖB mit 1 MW Nennleistung
  • Pufferspeicher 80 m³
  • jährliche Energiemenge: ca. 3 Mio. kWh Wärme und 1,4 Mio. kWh Strom
  • jährlicher Pelletsverbrauch ca. 1.200 t
  • Von insgesamt 350 Gebäuden im Ortsteil sind 129 erschlossen, ca. 80 davon sind am Netz. Derzeit laufen Verdichtungsplanungen. Während des Netzausbaus wurde Glasfaser verlegt.

Breitenbrunn:

  • PV-Anlage mit 10 kWp
  • 1 Erdgas-BHKW (KW Energie) mit einer Leistung von 48 kWel und 77 kWth
  • 1 Spitzenlast-Pelletkessel von KÖB mit 400 kW Nennleistung
  • Pufferspeicher 80 m³
  • jährliche Energiemenge: ca. 1,4 Mio. kWh Wärme und 0,6 Mio. kWh Strom
  • jährlicher Pelletverbrauch ca. 180 t
  • Das Netz versorgt 35 Gebäude, es wurde der gesamte Ortsteil mit 60 Gebäuden erschlossen und parallel dazu Glasfaser verlegt.

Neusorg:

  • 1 Pelletvergaser V 3.90 und 1 Holzgas-BHKW ECO 180 HG (Burkhardt) mit 180 kWel und 270 kWth
  • 2 Pelletkessel mit je 540 kW Nennleistung
  • Bislang wurden im Rahmen von Straßenbaumaßnahmen 66 Gebäude erschlossen, 36 davon sind am Netz. Das Netz soll sukzessive ausgebaut werden.